Glarean Magazin – Sensibles Gespรผr fรผr die intimen Passagen (de)

von Christian Busch, 1. Mai 2020, Glaen Magazin

Die junge norwegische Cello-Virtuosin Sandra Lied Haga (geb. 1994 in Oslo) legt im CD-Label Simax/Naxos mit Tschaikowskis โ€žRococo Variationenโ€œ und Dvoraks Cello-Konzert ein beeindruckendes Album-Debรผt vor, das einige andere renommierte Aufnahmen in verschiedener Hinsicht รผbertrumpft.


โ€žFragt nach dem Zauber nicht,
der mich erfรผllt!
Ihr kรถnnt die Seligkeit ja doch nicht fassen,
die seine Liebe mich hat fรผhlen lassen,
die Liebe, die nur mir, mir einzig gilt
.โ€œ

Aus diesem von Antonin Dvorak um die Jahreswende 1887/1888 vertonten Lied โ€žLasst mich alleinโ€œ von Ottilie Kleinschrod spricht ein seliges, in seiner unvergleichlichen Liebe ruhendes Herz, das sich โ€“ zum Schutz seiner kostbaren Liebe โ€“ der Welt verschliesst. Es ist das Lieblingslied von Dvoraks Schwรคgerin, der Grรคfin Josefine Kaunic โ€“ und der Schlรผssel zu Dvoraks berรผhmtem, 1895 in der Neuen Welt komponierten Konzert fรผr Violoncello und Orchester op. 104 in h-moll.


Heimweh, Bestรผrzung รผber die schwere Erkrankung seiner Jugendliebe, aber auch optimistische Aufbruchsstimmung standen bei Dvoraks bedeutender Komposition mit symphonischen Ausmassen Pate. Als er vom Tode seiner ehemaligen Klavierschรผlerin erfรคhrt, รคndert er seine Partitur und integriert das schon im 2. Satz zitierte Lied auch in das Finale โ€“ das Konzert wird nun endgรผltig zum Hohelied der Liebe.

Aus Norwegens unendlicher Weite stammend

Aus der unendlich weiten Perspektive norwegischer Landschaft stammend, war Sandra Lied Haga schon im Alter von drei Jahren Teilnehmerin des Fรถrderprogramms junger Talente am Barrat Due Institute of Music in Oslo und wurde, lรคngst auf vielen internationalen Festivals prรคsent, jรผngst mit dem Equinor Classical Music Award 2019 ausgestattet. Ihr zur Seite steht in dieser Aufnahme mit Konzertmitschnitten vom Februar und Mรคrz 2019 aus der Great Hall des Moskauer Konservatoriums das State Academic Symphony Orchestra of Russia โ€žEvgeny Svetlanovโ€œ unter der Leitung von Terje Mikkelsen.

Und was man dort hรถrt, ist schlicht รผberwรคltigend. Schon die konzentrierte, massvolle, bedรคchtige, aber niemals schleppende Einleitung lรคsst erkennen, dass es nicht um ein paar schmissige Effekte oder das blosse Auskosten โ€žschรถner Stellenโ€œ geht, sondern um den Spannungsbogen, den โ€žgrossen Atemโ€œ und die Seele des Werks.


Man staunt darรผber, wenn Lied Haga ihren Part mit unverbrauchter Natรผrlichkeit, sicherem Instinkt und grosser Virtuositรคt zu einer รผberzeugenden, faszinierend schรถnen und berรผhrenden Darbietung gestaltet. Fernab von Routine und Klischees gelingt ihr der fliessende รœbergang von den extrovertierten Ausbrรผchen bis zu den Momenten der wunderbar intimen, gesanglichen Introspektive.

Hohelied der Liebe

Der zweite, aus dem Liedmotiv geformte Satz mutet wie ein inniges Liebesduett โ€“ รผber den Ozean hinweg โ€“ an, zunรคchst scheinbar zerbrochen, dann intensiviert durch die Nachricht der Erkrankung. Dass gerade die lyrischen Stellen โ€“ auch dank der grossartigen Partnerschaft zwischen Orchester und Solisten โ€“ besonders gelungen sind, liegt an der insgesamt sehr stimmigen und werkgetreuen Deutung Lied Hagas, die โ€“ von Mikkelsen und dem Orchester auf den vielzitierten โ€žHรคnden getragenโ€œ โ€“ dem Werk mit feinem Gespรผr und beglรผckender Sensibilitรคt begegnet. Doch ragen diese berรผckend schรถn gespielten Momente nicht heraus, sondern sondern fรผgen sich nahtlos in die geschlossene und stimmige Darbietung. Es entspinnt sich ein รผber drei Sรคtze andauernder, intensiver Dialog, der Dvoraks letztes grosses Werk als โ€žHohe(s) Lied der Liebeโ€œ geradezu neu entdeckt.

Blick fรผr das Wesentliche

Mit demselben unverstellten Blick fรผr das Wesentliche nehmen die Ausfรผhrenden auch Peter Tschaikowskys โ€žRokoko-Variationenโ€œ ins Visier. Konzeptionell folgerichtig greifen sie dabei auf das Original zurรผck, statt auf die auf Wunsch von Tschaikowskys Cellisten Wilhelm Fitzenhagen geรคnderte Fassung, welche dem Solisten eine grรถssere Bรผhne der Selbstdarstellung bot.
Auch hier bestaunen wir den klaren, natรผrlich-schรถnen Ton der jungen Norwegerin, die in grossem Einvernehmen mit Orchester und Dirigent die Reminiszenz des Komponisten an eine andere Zeit, nรคmlich die Klangwelt des 18. Jahrhunderts (vor allem die des jungen W.A. Mozart) zum Leben erweckt.

Sandra Lied Haga legt also mit diesen zwei Romantik-Einspielungen ein grossartiges Debรผtalbum vor. Ihr Ton ist von natรผrlicher โ€žnordischerโ€œ Klarheit, doch ebenso zeigt sie ein sensibles Gespรผr fรผr die intimen Passagen dieser Standardwerke des romantischen Repertoires. Sie erliegt nie der Versuchung einer Selbstdarstellung, sondern dringt werkgetreu zum Kern der Werke vor, auch dank ihrer gleichwertigen Partner. Damit stellt sie so manche Aufnahme renommierter Kรผnstler und Plattenlabels in den Schatten. Eine schรถne Entdeckung.

Peter Tchaikovsky: Variations on a Rococo Theme op. 33 (Original Version); Antonin Dvorak: Celle Concerto in B Minor op. 104 โ€“ Sandra Lied Haga (Cello), The State Academic Symphony Orchestra of Russia โ€˜Evgeny Svetlanovโ€˜, Terje Mikkelsen, Simax Classics (Naxos)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Cello-Musik auch รผber Sol Gabetta: Cello-Konzert von Edward Elgar

PIZZICATO – EDELSTEIN AUF BAUSCHUTT (DE)

Pizzicato – Rezension von Remy Franck

Auf ihrer Debรผt-CD stellt sich die 1994 in Oslo geborene Sandra Lied Haga mit zwei Schwergewichten der Cello-Literatur vor. Ein Risiko war das fรผr sie nicht, nach allem was man in den beiden Werken zu hรถren bekommt. Besonders charakteristisch ist wohl ihr voller, satter und ungewรถhnlich reicher Celloklang. Lupenfreine Intonation, eine klare und sichere Phrasierung sowie eine hinreiรŸende Kantabilitรคt zeichnen ihr Spiel aus, das zu berรผckendsten Pianissimi und einer ebenfalls tollen Virtuositรคt fรคhig ist.

Das Cellokonzert von Dvorak spielt sie wunderbar sensibel, mit herrlichen Klangfarben, hinreiรŸend lyrisch und  immer wieder auch mit hochvirtuosem Elan. Nicht nur im langsamen Satz kann sie sich wirklich stark in die Musik vertiefen, denn ihr Spiel erreicht das ganze Konzert รผber eine phรคnomenale Eloquenz.

Auch in der Originalfassung von Tschaikowskys Rokokovariationen ist der schรถne und intensive Klang ihres Cellos (ein Guidantus von 1730 aus Bologna) absolut hinreiรŸend. Sie spielt mit einem sicheren Gespรผr fรผr die Musik, faszinierendem Raffinement, stilvoll, charmant und in den langsamen Teilen bewegend gefรผhlvoll.

Leider hat sie mit dem Svetlanov-Orchester nicht den passenden Partner. Das Spiel der Russen klingt manchmal schlampig und es fehlt ihm generell an Flexibilitรคt, Geschmeidigkeit und Klangqualitรคt. Letztlich wirkt das wie ein Edelstein auf einem Haufen Bauschutt. Das kostet die CD Punkte, obwohl das Spiel der Cellistin eigentlich hรถchstbewertet hรคtte werden mรผssen.

On her debut CD, the 26-year-old Norwegian Sandra Lied Haga presents herself with two heavyweights of the cello literature. It was not a risk for her, after all what you can hear in the two works. Especially characteristic is her full and unusually rich cello sound. Flawless intonation, a clear and secure phrasing as well as a ravishing cantabile distinguish her playing, which is capable of the most enchanting pianissimos and an equally great virtuosity.Her account of Dvorakโ€™s Cello Concerto is very sensitive and colourful, enchantingly lyrical and from time to time it also shows one highly virtuosic verve. Not only in the slow movement can she really immerse herself in the music, because her playing achieves a phenomenal eloquence throughout the entire concerto.Even in the original version of Tchaikovskyโ€™s Rococo Variations, the beautiful and intense sound of her cello (a Guidantus from 1730 from Bologna) is absolutely enchanting. She plays with a sure feeling for the music, fascinating refinement, stylish, charming and in the slow parts movingly soulful. Unfortunately with the Svetlanov Orchestra she does not have the right partner. The playing of the Russians sometimes sounds sloppy and generally lacks flexibility, suppleness and sound quality. In the end, it looks like a gem on a pile of rubble. This diminishes our rating, even though the cellistโ€™s playing deserves the highest praise.

Piotr Tchaikovsky: Rokoko-Variationen (Originalversion); Antonin Dvorak: Cellokonzert op. 104: Sandra Lied Haga, Cello, Russian State Symphony Orchestra Evgeny Svetlanov, Terje Mikkelsen; 1 CD Simax PSC 1363; Aufnahme 02/2019, Verรถffentlichung 08/05/2020 (61’67)